Tagebuch
10.08.2009
Hart aber herzlich
Zum Abschluss nun zwei Tage "auf dem Bau" - dort, wo ich schon als 14jähriger das erste Geld selbst verdient habe. Die Straßenbaufirma STRABAG ermöglichte mir an zwei heißen Sommertagen lehrreiche Erfahrungen. Ich weiß nun wirklich nicht mehr, wie irgendjemand auf die Idee kommen kann, man würde in jedem Beruf bis 67 einfach immer weiterarbeiten können. Im Straßenbau ist es unglaublich anstrengend und die hier Beschäftigten nehmen wegen der oft wechselnden Arbeitsstellen zusätzlich noch sehr lange Fahrzeiten auf sich. Viele der Kollegen in meiner Kolonne kommen täglich aus Kerkrade.
Alle hier arbeiten gern, sind extrem leistungsbereit und stehen unter einem dauernden Termindruck. Fast jede Stunde erscheint ein Kontrolleur zum Nachmessen. Schotter darf erst aufgetragen werden, wenn der Kontrolleur bestätigt, dass tatsächlich 70 cm Aushub erfolgt sind und nicht weniger. Mehrfach finden wir Rohre und Leitungen, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Zusätzliche Spezialisten müssen herangezogen werden, um zu prüfen, wie es nun weiter geht. Bis das geklärt ist, Weiterarbeit an anderer Stelle. Auch hier wieder Unvorhersehbares.
Baupläne sind eben nur Pläne, aber kein Abbild der Wirklichkeit. Ich verstehe langsam, wieso es oft zu Verzögerungen und Mehrkosten bei Bauten kommt; es kann eben vorher niemand unter die Erde schauen.
Ich bewundere diese Männer, die in glühender Hitze täglich Schwerstarbeit verrichten und sich damit trösten, dass es bei Dauerregen noch schlimmer wäre. An meinem letzten Arbeitstag erreicht die Kolonne eine Hiobsbotschaft. Termindruck - auch Samstag muss gearbeitet werden.
Meine Kollegen, die mich anfangs etwas skeptisch beäugt hatten, verabschieden sich herzlich von mir.
Ich schließe meine Praktika mit einem Fazit: Gut, dass ich das gemacht habe und ich wünsche mir, dass ich mich lange daran erinnern werde, wie hart überall das Geld verdient werden muss und wie wenig wir uns oft darüber bewusst sind, was denn wäre, wenn die Altenpflegerin, der Werkzeugmacher, der Bäcker und der Straßenbauer nicht so exzellente Arbeit liefern würde.
Macht's gut - Kolleginnen und Kollegen!
04.08.2009
Unsere Stadt hat Charakter. Das muss so bleiben.
Aufstehen 01.30 Uhr. Schichtbeginn 02.30 Uhr. Gottseidank "erst" um 02:30 Uhr, weil ich mit den Kondidtoren anfange und nicht mir den Bäckern, von denen der erste schon vor Mitternacht mit der Produktion von Teigen begonnen hat. Es fällt mir schwer genug, meinem Körper mitten in der Nacht mitzuteilen, dass jetzt Produktivität gefragt ist. Man muss gerne Bäcker sein wollen, denn dieser Beruf verändert wegen der nächtlichen Arbeitszeiten das ganze Leben und das der dazu gehörenden Familien auch. Und deswegen gleich zu Beginn: Dank an alle, die so früh aufstehen, hier, damit die "Langschläfer" noch vor 07.00 Uhr frische Backwaren bekommen.
Seit den 30er Jahren setzt die Firma Lubig sich dafür ein, die Qualität von Backwaren nur durch natürliche Rohstoffen zu verbessern. Und das finde ich hier auch vor. Frische Ware, Butter statt billiger Fette, biologisch kontrollierte Zutaten. Es sind zwar viele teure, computergesteuerte Maschinen im Einsatz um die nachgefragte Warenmenge herstellen zu können, entscheidend aber ist das Handwerk der schon hellwachen Bäcker, Konditoren und der erfreulich vielen Auszubildenden. Immerhin gelingt es mir, einen Pflaumenkuchen so manierlich zu belegen, dass er tatsächlich in den Backofen gehen kann, während meine Kolleginnen und Kollegen in dieser Zeit drei schaffen. Bei den Mandelhörnchen kann ich gegen 04:30 Uhr schon etwas aufholen. Ich lerne eine Vielzahl von Bestell-, Bearbeitungs- und Verabreitungsvorgängen und die Versandabläufe in über 40 Verkaufsstellen kennen. Parallel zur Herstellung der unglaublich vielfältigen Warenangebotes an süßer Backware entwickelt der Chef der Abteilung, Mark Neudenberger, noch eine neue Torte, die morgen in der Leitungsrunde verkostet werden soll. Die Kundschaft liebt Abwechslung.
Am nächsten Tag darf ich zunächst Bäckerchef Burkhard Lohoff über die Schulter schauen, der ebenfalls etwas Neues herstellt, das vielleicht in den nächsten Tagen in den Verkauf gehen soll. Es ist ein Gebäcktaler mit Tomaten, Oliven, Mozarella, Salat und Gewürzen, der Italien nach Bonn holt, wenigstens für all die, die in diesem Jahr nicht in Urlaub fahren. Und dann auch hier: Produktion. Ich kann meinen Händen normalerweise sagen, was sie tun sollen. Ich versuche es auch hier, doch so recht will mir die fachmännische Herstellung von Brezeln nicht gelingen. Immerhin - 20 Stück des heute produzierten Laugengebäcks sind nach ungeschickten Drehbewegungen meiner Arme und Hände doch auf dem Blech gelandet und können sich sehen lassen.
Um 09.00 Uhr, zum Abschluss meines Praktikums, bei der wöchentlichen "Leitungsrunde", verstehe ich, vor welchen Herausforderungen dieser Betrieb angesichts der wachsenden Zahl von Backshops steht. Spitzenqualität beizubehalten muss sich auch rechnen. Ich wünsche der Firma Lubig als Bonner Traditionsunternehmen das Beste und zahle für das Bonner Brot lieber gerne etwas mehr als für die schnell aufgebackene Ware, die nachts in großen Transporten aus dem Ausland auch in Bonn vorproduziert anrollt. Und eines habe ich mir noch vorgenommen: Ich kaufe mir bei Lubig ein Glas Lactozymat. Es ist ein Produkt, das der Firmengründer als Heilpraktiker entwickelt hat und dessen Rezept als Geheimnis gehütet wird. Ein Löffel davon und meine Sorgen, ich könnte vielleicht zu wenig Eisen, Magnseium oder Calcium haben, sind vorbei.
02.08.2009
Corporate Identity - Weg aus der Krise
GKN ist der weltweit führende Hersteller von Sinterteilen mit über 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 30 Standorten, in Bonn sind es 400.
Unter "Sintern" versteht man das Pressen und Erhitzen von Metallpulver; auf diese Weise werden spezielle Werkstücke hergestellt. Dazu zählt zum Beispiel der Halter, an dem in fast allen Autos der Welt der Rückspiegel an der Frontscheibe angebracht wird. Ich war vor 9 Monaten schon einmal zu einer Betriebsbesichtigung hier. Was für ein Unterschied; im Dezember kaum ein laufender Ofen und jetzt Akvititäten überall. Die Krise hatte diesen Betrieb in Bonn als einen der ersten erwischt. Enormen Auftragsrückgänge führten zu beträchtlicher Kurzarbeit; ein Segen, dass der Gesetzgeber mit dem Kurzarbeitergeld hier hilft und das Durchatmen ermöglicht. Hier, bei GKN kam noch einiges hinzu.
Und erst dies erklärt den Erfolg. Die Krise wurde auch als Chance begriffen. Über Jahre war hier eine Identifikation mit dem eigenen Betrieb erzeugt worden, die bei einsetzender Krise im ganzen Team dazu führte, dass man sich Gedanken machte. Jeder öffnete seine "Schatzkiste im Kopf" und stellte seine Ideen zur Verfügung. Jetzt musste es nämlich darum gehen, auch neue Wege zu finden und neue Produktpaletten zu erschließen, um auf dem Markt wieder Tritt zu fassen. Ich habe selten ein so ausgefeiltes innerbetriebliches Ausbildungs- und Weiterbildungskonzept vorgefunden wie hier. Die Verantwortlichen hatten in den vergangenen Jahren den GKN-Standort Bonn insbesondere durch die innbetriebliche Qualifizierung und Ausbildung gestärkt und waren dafür bereits 2006 von der IHK Bonn-Rhein-Sieg ausgezeichnet worden. Mit großer sozialer Verantwortung und völliger Transparenz hatte die Bonner Unternehmensleitung zu Beginn der Krise das Vertrauen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die eigene Stärke festigen können, so dass nun, 9 Monate später, das Licht am Ende des Tunnels hell leuchtet. In allen Abteilungen: "Entwicklung und Konstruktion", "Werkzeugbau", "Qualitätssicherung", "Wareneingang", "Produktion", "Verpackung und Versand", erlebte ich hart arbeitende und hoch motivierte Kolleginnen und Kollegen, die uneingeschränkt und mit Leidenschaft "ihren Betrieb" wieder nach vorne bringen wollten und gebracht haben.
Dieser Betrieb und andere Firmen in Deutschland sichern unsere Arbeitsplätze, weil sie an zwei Stellen im globalen Wettbewerb stärker
sind: Der Wissensvorsprung und die hohe Motivation der Beschäftigten machen es möglich, bei der Entwicklung neuer Produkte den Vorsprung deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt zu halten und eine höhere Produktivität herbeizuführen als in "Billiglohnländern". Aufgabe jeder politischen und wirtschaftlichen Anstrengung muss es daher sein, die Bildungsarbeit und Sozialkompetenz zu stärken. Neue Aufträge führen zu neuen Herausforderungen an die betrieblichen Strukturen.
Wo jetzt eine Produktionshalle verändert werden muss oder eine andere Baumaßnahme auf dem Betriebsgelände erforderlich wird, kann die Stadt Bonn mit zügiger Bearbeitung und Unterstützung helfen. Das versteht sich von selbst, denn wir haben nur noch wenige Arbeitsplätze im industriell produzierenden Gewerbe in Bonn. Sie sind wichtig für das Gesamtbild unserer Stadt.
Ich gratuliere GKN Sinter Metals Bonn zu einem vorbildlichen und erfolgreichen Firmenkonzept. Vielen Dank, dass ich die "geballte Kraft der 400" spüren durfte.
27.07.2009
Drei Tage Assistenz in Pflege und Therapie
Wir hören viel vom demographischen Wandel. Wir wissen, dass Alter heute länger dauert als Jugend und wir wissen, dass in dieser Lebensphase großartige Chancen und naturgegebene Risiken liegen. „Mein Mann und ich bereiten uns hier auf den Übergang in die andere Welt vor“, sagte mir eine der Bewohnerinnen des Seniorenzentrums Heinrich Kolfhaus in Bonn, in dessen Demenzstation ich zwei Tage assistieren durfte. Schon wenige Minuten nach dem Betreten des Hauses, in meiner ersten Frühschicht um 06:30 Uhr, hatte ich verstanden, dass es hier nicht um die Bewältigung der Dinge geht, die man klischeehaft mit einem Seniorenzentrum im Allgemeinen und mit einer Demenzstation im Besonderen verbindet. Und nach einigen Stunden und meinen ersten pflegerischen Tätigkeiten war es selbst für mich, der zum ersten Mal tiefer in diese Arbeitswelt eintauchte, fast nebensächlich, und vor allem leistbar, geworden, dass es hier auch um Urin und Kot geht. Nein, etwas anderes steht im Vordergrund und bestimmt tatsächlich den Arbeitsalltag: Es geht um die Würde im Alter und es geht darum, wie man die Seele dieser bedürftigen Menschen streichelt. Ich durfte mit Profis zusammen arbeiten, denen es täglich gelingt, auch denjenigen noch ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, die man woanders längst glaubt vergessen zu können. Und es ist dieses Lächeln, was für einen sehr harten Job entschädigt und was Berufszufriedenheit ausmachen kann.
Den dritten Tag verbrachte ich im benachbarten neuen Haus am Stadtwald. Diese Einrichtung bietet als Versorgungszentrum für Schwerstpflegebedürftige jüngeren Erwachsenen ein Zuhause, denen auf Grund von Unfällen oder fortgeschrittenen schweren Erkrankungen ein Verbleib im häuslichen Umfeld nicht möglich ist. Hier war es nicht die Vorbereitung auf den „Übergang in die andere Welt“, hier bestimmte die Hoffnung auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes das Klima des Hauses. Es ist ein Klima der Hoffnung, in dem Fachkräfte schwere Arbeiten verrichten, wie man sie – so scheint mir - nicht ein ganzes Berufsleben lang ausüben kann. Aber diese Fachkräfte tun es mit großer Freude und sie begreifen auch sehr kleine Fortschritte in der Therapie zu Recht als ihren persönlichen Erfolg.
Beide Einrichtungen – und gewiss viele andere in Bonn, die ich noch nicht so genau kennen lernen durfte – tragen mit zum Charakter unserer Stadt bei, in der man in Würde alt werden kann. Ich will alles mir mögliche tun, dass wir hier charakterfest bleiben.
Ich danke beiden Häusern für die Möglichkeit, dort drei Tage „im Leben“ stehen zu dürfen und spreche den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern großen Respekt aus.
http://www.shk-ggmbh.de
http://www.haus-am-stadtwald.de







